Metaanalyse zu Nutzung und Wirkung von digitalen Medien in Kindertageseinrichtungen

Hintergrund


Digitalisierung ist aus der Lebensrealität von Kindern nicht mehr wegzudenken. Die Vor- und Nachteile von frühem Medienkonsum sowie die Nutzung von digitalen Medien in Kindertageseinrichtungen werden in der Öffentlichkeit derzeit sehr emotional und kontrovers diskutiert.

In Deutschland nutzen Kindertageseinrichtungen bereits unterschiedliche digitale Medien und Programme (wie z.B. Schlaumäuse, KIKUS digital oder Sprachförderung mit dem Elefanten). Doch ist ihre Wirksamkeit kaum erforscht und die Evaluation dieser Programme beschränkt sich meist auf subjektive Einschätzungen pädagogischer Fachkräfte zur Anwendbarkeit, Zufriedenheit und Wirkung dieser digitalen Medien (Hopp, Frank & Tracy, 2009; Media Consultancy, Research and Development, 2018). Was fehlt, sind systematische Befunde dazu, welche digitalen Aktivitäten unter welchen Bedingungen wirken.

Zielsetzung


Ziel der Metaanalyse ist es, (1) durch gezielte Recherchestrategien sämtliche für die Fragestellung existierende Untersuchungen (Primärstudien) zu finden und (2) die positiven und negativen Befunde anhand festgelegter Kategorien systematisch zu erfassen sowie (3) den Forschungsstand so zu aggregieren, dass Implikationen für pädagogische Prozesse im frühkindlichen Bildungswesen in Bezug auf Nutzung und Wirkung digitaler Medien formuliert werden können.

Dabei sind folgende Hauptfragestelllungen richtungsweisend:

  1. Ergeben sich Lernvorteile für Kinder, die ein Angebot mit digitalen Medien (E-Books, Apps, Edutainment Software) in der Kita erhalten, im Vergleich zu Kindern im herkömmlichen nicht-digitalen Kita-Alltag? (digitale Kitas vs. analoge Kitas)
  2. Sind spezifische Bildungs- und Förderungsangebote wirksamer, wenn diese durch digitale Medien vermittelt werden im Gegensatz zu nicht-digitaler Vermittlung? (z.B. E-Book vs. Print-Buch)
  3. Ist die Wirkung von digitalen Bildungs- und Förderangeboten bedingt durch bestimmte Faktoren (z.B. Umsetzung in der Kita, technische Funktionen, kindliche Merkmale)?
Was ist eine Metaanalyse?


Die nachfolgende Grafik veranschaulicht alle Schritte eines metaanalytischen Vorgehens:

 

Suche in wissenschaftlichen Datenbanken

Bei einer Metaanalyse sichtet man über wissenschaftliche Datenbanken sämtliche Erhebungen und Studien, die zu einem bestimmten Thema durchgeführt wurden.

Sichten der Studien

Diese Studien liest man und notiert für alle Studien bestimmte Informationen, z.B. wie viele Personen teilgenommen haben, was die Teilnehmer genau gemacht haben, ob es eine Kontrollgruppe gab.

Auswahl der Studien

Nach bestimmten zuvor festgelegten Kriterien werden diejenigen Studien ausgewählt, die in die Metaanalyse eingeschlossen werden.

Statistische Kennwerte

Aus den ausgewählten Studien gehen statistische Kennwerte in die Metaanalyse ein. Diese  geben Aufschluss darüber, wie groß der Effekt einer Aktivität war.

Ableiten von Aussagen

Durch Verrechnung dieser Kennwerte aus sämtlichen Studien, kann man aus den Ergebnissen fundiertere Aussagen ableiten, welche Arten von Aktivitäten (unter welchen Umständen) etwas bringen.

Methode


a. Literatursuche

Es wurde eine systematische Literatursuche in englisch- und deutschsprachigen elektronischen Datenbanken (wie. z.B. ERIC, PSYCINFO, PROQUEST, MEDLINE, FIS Bildung) durchgeführt. Weiter erfolgte eine manuelle Suche in Zeitschriften und Konferenzprogrammen, Referenzlisten relevanter Studien und Internetsuchmaschinen.

b. Einschlusskriterien für die Metaanalyse

  • Die Studien müssen auf Deutsch oder Englisch verfügbar sein und zwischen 2000 und 2018 veröffentlicht.
  • Teilnehmer*innen: Kinder zwischen 0 und 6 Jahren
  • Setting: Kindertageseinrichtung
  • Interventionsgruppe und Vergleichsgruppe oder Kontrollgruppe
  • Mindestens 10 Kinder in jeder Untersuchungsgruppe
  • Einsatz digitaler Medien und Endgeräte (z.B. Tablet, PC, …) zur Förderung in bestimmtem Entwicklungsbereich
  • Messung von kindlichen Entwicklungsmaßen (z.B. Sprache, Mathematik, Literacy)
  • Quantitative Daten bzw. statistische Kennwerte vorhanden

c. Kodierung

Die systematische Literatursuche, Bewertung der Studien und inhaltliche Kodierung erfolgt durch zwei unabhängige Reviewer. Dabei wird ein mehrstufiger Prozess mit (a) Titel- und Abstractscreening, (b) Bewertung der Studienqualität und (c) inhaltliche Analyse zur Lernunterstützung mit digitalen Medien verwendet.

Erste Ergebnisse


Die Metaanalyse zur Förderung von Sprachkompetenzen durch E-Books ergab einen großen Effekt der E-Book-Aktivität auf die Sprachkompetenz der Kinder verglichen mit Kindern im normalen, nicht-digitalen Kita-Alltag. Im Vergleich zu Kindern, die an einer analogen, nicht-digitalen Bilderbuchbetrachtung teilnahmen, fand sich ein kleiner bis mittlerer Effekt der E-Book-Aktivität auf die Sprachkompetenz der Kinder. Die Wirksamkeit der digitalen Bilderbuchbetrachtung war abhängig von der Anzahl der Bilderbuchbetrachtungen sowie Wiederholungen der Geschichte.

Die Ergebnisse sind im Vortrag zusammengefasst und unter folgenden Link abrufbar:

https://www.youtube.com/watch?v=IXuo9UFHw_w&feature=emb_title

Weitere Ergebnisse für die Bereiche Literacy und kombinierte Förderung von Sprach-, Vorläufer- und Lesefähigkeiten durch E-Books, sowie die Förderung von mathematischen Fähigkeiten durch digitale Medien sind für Ende 2020 geplant. Zusätzliche wissenschaftliche Untersuchungen und Implikationen für die Praxis folgen.

Erste Empfehlungen


Die richtige Auswahl von E-Books:

Die bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass bestimmte Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass die sprachliche Entwicklung (u.a. Wortschatz, Geschichtenverständnis, narrative Fähigkeiten) unterstützt werden kann, wenn E-Books die folgenden Kriterien erfüllen:

  • Es sind auf die Geschichte abgestimmte animierte Bilder vorhanden, um Gesprochenes mit Visuellem zu verknüpfen.
  • Das E-Book hat eine Vorlesefunktion, um einen standardisierten und deutlichen sprachlichen Input zu gewährleisten. Dies betrifft sowohl die Geschichte als auch einzelne Wörter.
  • Der sprachliche Input ist unter didaktischen Gesichtspunkten aufbereitet. Dazu zählt u.a., dass die Wiederholungen und Erklärungen von neuen Wörtern, Fragen zur Geschichte und Äußerungen von Charakteren passend zur Geschichte sind und/ oder sich auf besonders schwierige oder wichtige Aspekte der Handlung/ Wörter beziehen.
  • Interaktive Funktionen, wie Hotspots oder Wörterbücher, können erst am Ende einer jeweiligen Seite aktiviert werden, um die Kinder nicht beim Zuhören zu stören oder abzulenken, und trotzdem eine vertiefte Verarbeitung der dargebotenen Inhalte zu ermöglichen.
Veröffentlichungen


Cordes, A.-K., Hartig, F. & Egert, F. (in Vorbereitung). Sprachförderung mit dem E-Book? Geht das?
TPS – Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit.

Cordes, A.-K., Egert, F., & Hartig, F. (2020). Apps für Kindergartenkinder: Lernen oder Aufmerksamkeitsraub? – Anforderungen an Lernapps aus kognitionspsychologischer Perspektive. Diskurs: Kindheits- und Jugendforschung, 15 (3), 243-258.

Cordes, A.-K., Egert, F., & Hartig, F. (2019). Zur Sprache bringen. Meine Kita, 19(2), 18-20.

Projektteam und Kontakt


Projektteam

Projekt-Leitung   Prof. Dr. Franziska Egert (KSH München)
     
Projekt-MitarbeiterInnen  

Dr. Anne-Kristin Cordes
Fabienne Hartig

Kontakt

Prof. Dr. Franziska Egert  
     
Dr. Anne-Kristin Cordes  
089-99825-1973
     
Fabienne Hartig  
089-99825-1933
 


 


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