Der Modellversuch

Warum gibt es den Modellversuch?

Kinder wachsen heute wie selbstverständlich in eine digitale Welt hinein. Sie erkennen früh, welche Bedeutung mobile digitale Medien für ihre Eltern und Geschwister haben und wollen diese auch selbst erfahren. Viele Kinder verfügen daher schon über verschiedenste Medienerfahrungen, wenn sie in die Kita kommen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Medienbildungsauftrag von Kindertageseinrichtungen, wie er in Bayern in § 9 der Ausführungsverordnung im Bayerischen Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz und im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan verankert ist, an Aktualität und damit an Bedeutung und Gewicht. Alle Kitas stehen – auch mit Blick auf die Kinderrechte (vgl. https://kinderrechte.digital/) – in der Verantwortung, Kinder entwicklungsangemessen in ihrer Kompetenz zu stärken, mit digitalen Medien kreativ, kritisch und sicher umzugehen, und sie dabei zu unterstützen, sich in der komplexen Medienwelt zurechtzufinden. Es gilt, die Chancen, die diese Medien bieten, kompetent zu nutzen, aber auch die Risiken zu kennen und diesen durch intelligentes Risikomanagement präventiv zu begegnen.
Dabei gelten im Modellversuch zwei Grundsätze: „Die Kinder mit ihren Bedürfnissen und Rechten stehen im Mittelpunkt“ und „Digital ersetzt nicht analog“. In der Kita können Kinder in einem risikofreien Rahmen das kreative Potential digitaler Medien, die neue Ausdrucks- und Gestaltungsmöglichkeiten bieten, kennenlernen. Es werden Sicherheitseinstellungen am Tablet vorgenommen, qualitativ hochwertige Apps ausgewählt sowie Fragen des Daten- und Urheberschutzes beachtet. Wir verstehen digitale Medien als ergänzendes Werkzeug, das andere Werkzeuge und Erfahrungen im pädagogischen Alltag nicht verdrängt, sondern das Lernen bereichern kann und zugleich ermöglicht, die digitale und analoge Welt in vielfältiger und kreativer Weise miteinander zu verknüpfen.

Ziele und Handlungsfelder

Der Modellversuch ist als Entwicklungs- und Forschungsvorhaben angelegt. Ziel ist, gemeinsam mit den Modellkitas tragfähige Konzepte und praxisnahe Materialien für digital gestützte Bildungs- und Arbeitsprozesse in Kindertageseinrichtungen ergebnisoffen und wissenschaftlich begleitet (weiter) zu entwickeln, zu erproben und diese anschließend in nachhaltiger Weise in die Fläche zu bringen.
Der Modellversuch nimmt alle Akteure in den Modellkitas in den Blick – pädagogische Fachkräfte, Kinder und ebenso deren Eltern. Alle sollen die Möglichkeit bekommen, in ihrer Medienkompetenz gestärkt werden. In den Modellversuch sind auch die Träger der Modellkitas einbezogen, um sie in ihrer Gesamtverantwortung für die Umsetzung der frühen digitalen Bildung und für den digitalen Transformationsprozess in ihren Einrichtungen zu stärken.
Im Sinne eines exemplarischen Vorgehens werden dabei drei Handlungsfelder fokussiert, in denen sich die Nutzung digitaler Medien in der Kita als sinnvoll und chancenreich erweist, nämlich

  1. Medienbildung mit Kindern
  2. Beobachtung und Dokumentation von Bildungs- und Entwicklungsprozessen der Kinder mit digitalen Medien
  3. Kooperation und Vernetzung mit Eltern, Schule und anderen Bildungspartnern in der digitalen Welt.
Welche Chancen eröffnet der Modellversuch

Die Fachkräfte in den Kitas können …

  • Tablets, gute Kinderapps und weitere digitale Medien kreativ gemeinsam mit den Kindern im pädagogischen Alltag erproben – quer durch alle Bildungsbereiche. Zur Verfügung stehen unterschiedliche Kreativ-, Musik-, Bilderbuch-, Lernspiel- und Programmier-Apps, Kindersuchmaschinen und Kinderseiten.
  • tabletbasierte Beobachtungs- und Selbstevaluationsinstrumente testen,
  • neue Wege der Kooperation und Vernetzung mit Familie, Schule und anderen Bildungspartnern in der digitalen Welt beschreiten und dabei auch Erfahrungen mit Kita-Apps zur digitalen Kommunikation sammeln,
  • erfahren, wie sie den Einsatz digitaler Medien in der Kita ohne Risiken gestalten können
  • ein einrichtungsspezifisches Medienkonzept erstellen,
  • innovative Online-Portale und neuartige E- und Blended-Learning-Formate kennen lernen,
  • dazu beitragen, gute Konzepte und praxisnahe Materialien zum digitalen Medieneinsatz für alle bayerischen Kitas mit zu entwickeln
  • in einem Landesnetzwerk aller Modellkitas voneinander lernen und profitieren.

Die Kinder in den Kitas können …

  • die digitale Welt – in einem geschützten und pädagogisch begleiteten Raum – kennen lernen. Sie werden dabei unterstützt, diese Welt zu verstehen, sie zu durchschauen, sich in ihr zurechtzufinden und deren Chancen für sich zu nutzen,
  • das kreative Potential digitaler Medien nutzen; sie können zusammen mit anderen Kindern eigene Medienprodukte wie Fotogeschichten, Bilderbücher, Hörspiele und Filme herstellen und dabei eigene Ideen verwirklichen,
  • erleben, wie analoge und digitale Bildungs- und Kreativitätsangebote miteinander verbunden werden können, zum Beispiel bei Musik oder Büchern
  • die Chancen und Risiken der digitalen Welt und der digitalen Mediennutzung gemeinsam besprechen und eine reflektierte Haltung dazu entwickeln. Schulkinder erhalten darüber hinaus Einblick in Themen wie Recht am eigenen Bild, Urheberrecht, Passwörter und Netiquette.

Die Eltern der Kinder können …

  • erfahren, wie eine sichere, zeitgemäße, kreative digitale Bildung mit jungen Kindern aussehen kann,
  • kompetente Informationen zum verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien im Familienalltag bekommen,
  • sich in den Modellversuch in ihrer Kita einbringen - durch Ideen, Mitgestalten, Mitmachen,
  • neue digitale Formate zum Informationsaustausch zwischen Eltern und Kita erproben.
Der Ablauf des Modellversuchs

Der Ablauf des Modellversuchs sollte so klar strukturiert wie möglich und so individuell für jede Kita passend wie nötig sein. Um dies zu garantieren, wurde ein Fahrplan mit inhaltlich und zeitlich definierten Schritten sowohl für den Modellversuch insgesamt als auch für die Zusammenarbeit von Mediencoaches und Modellkitas aufgestellt und eine Kooperationsvereinbarung abgeschlossen.
Der Modellversuch in den teilnehmenden Einrichtungen begann im Juli 2018 mit einem ersten Gespräch mit der Einrichtungsleitung und endet im Dezember 2020. Zum offiziellen Start, am 20. September 2018, fand eine Auftaktveranstaltung für alle Modellkitas und Mediencoaches statt.
Folgende Begleitangebote erhalten die Modellkitas durch die Mediencoaches in der Modellphase:

  • Erstgespräch mit dem Kita-Team
  • Elternabend zur Information über den Modellversuch
  • Fünf ganztägige Inhouse-Fortbildungen für das Kita-Team
  • Sechs ganztägige Trainings-on-the-Job, um vor Ort Aktivitäten mit den Kindern und/oder Eltern unterstützend zu begleiten
  • Telefonische Beratung zu medienpädagogischen Fragen und bei Technikproblemen, bei Bedarf
  • Reflexions- und Abschlussgespräch mit dem Kita-Team.

Darüber hinaus finden 2019 und 2020 jeweils ein zweitägiges Landesnetzwerk-Treffen mit allen Modellkitas und Mediencoaches statt.

Teilnehmende Kitas
© OpenStreetMap Mitwirkende


Im März/April 2018 lief eine sechswöchige Teilnahmeausschreibung für den Modellversuch. Bis zum Ende der Ausschreibungsfrist gingen von 218 Kitas vollständige Bewerbungen ein:

Vorgelegt wurde der ausgefüllte Online-Bewerbungsbogen, die von Träger und Leitung unterschriebene Zustimmungserklärung und die aktuelle Kita-Konzeption. Erfüllt waren zudem die Teilnahmebedingungen, WLAN-Anschluss in der Kita und Unterstützung durch IT-Beauftragten. Als Modellkita ausgewählt wurden alle beim digitalen Medieneinsatz fortgeschrittenen Kitas, die neben den gängigen auch zusätzliche Erfahrungen in den drei Handlungsfeldern des Modellversuchs mitbringen und auch schon Fortbildungen hierzu besucht haben. Im zweiten Auswahlschritt wurden die für die Regierungsbezirke berechneten Modellkita-Kontingente ausgeschöpft; dabei spielten nun auch Trägerproporz, Regionalverteilung sowie eine engagierte Begründung für den Wunsch, am Modellversuch teilnehmen zu wollen, eine Rolle. Von den 100 ausgewählten Modellkitas befinden sich die meisten in Oberbayern (35), gefolgt von Unterfranken (16), Schwaben (14), Mittelfranken (13) und Niederbayern (8) sowie Oberpfalz und Oberfranken (jeweils 7). In allen Regierungsbezirken nehmen sowohl Modellkitas aus Städten wie aus dem ländlichen Raum teil. Dabei repräsentieren sie die vielfältige Trägerlandschaft in Bayern und alle Einrichtungsarten von Kinderkrippe bis Hort; einen zahlenmäßigen Schwerpunkt bilden die Häuser für Kinder mit den Altersmischungen 0 bis 6 Jahre, 0 bis 12 Jahre sowie 3 bis 12 Jahre. Mit Blick auf das bedeutsame Thema „Inklusion und digitale Medien“ wurde darauf geachtet, dass es unter den Modellkitas zudem viele Einrichtungen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund und Kindern mit Behinderung gibt. Die kleinste Modellkita wird von 19 Kindern besucht, die größte von 270 Kindern. An 118 Bewerberkitas musste leider eine Absage ergehen; auf Wunsch werden sie aber weiterhin über aktuelle Entwicklungen informiert.

Die Mediencoaches

Für die Gewinnung geeigneter Mediencoaches wurde keine neue Infrastruktur aufgebaut, sondern auf bestehende und bewährte Strukturen in Bayern gesetzt. Eine wichtige Ressource bildeten das vom Institut für Medienpädagogik (JFF) koordinierte Netzwerk Medienfachberatung in Bayern sowie die medienpädagogischen Einrichtungen Medienzentrum München/JFF (Leitung: Günther Anfang), SIN-Studio im Netz in München (Leitung: Hans-Jürgen Palme), Medienstelle Augsburg/JFF (Leitung: Birgit Irrgang) und Medienzentrum Parabol in Nürnberg (Leitung: Klaus Lutz). Insgesamt wurden so vom JFF 21 Mediencoaches akquiriert, die eine hohe medienpädagogische Expertise sowie Erfahrungen im Kitabereich und in der Erwachsenen- und Familienbildung mitbringen. Zur Vorbereitung auf ihre Tätigkeit im Modellversuch erhielten die Mediencoaches eine Eingangsqualifizierung bestehend aus vier Modulen, die das IFP in Kooperation mit dem JFF konzipierte und durchfürte. Die derzeit 19 aktiven Mediencoaches sind in den Kitas aller Regierungsbezirke eingesetzt und begleiten jeweils 2 bis 8 Modellkitas. Im Folgenden werden die Mediencoaches (MC) mit ihren regionalen Einsatzgebieten in alphabetischer Reihenfole kurz vorstellt.

 

Günther Anfang
MC in Oberbayern und Schwaben
Mediencoach-Koordinator am JFF

Karolina Böhm
(MC in Oberbayern)

Danilo Dietsch
(MC in Ober- und Niederbayern)

Sonja di Vetta
(MC in Oberbayern)

Frank Findeiß
(MC in Unterfranken)

Kathrin Göckeler
(MC in Schwaben)

Anna Hielscher
(MC in Mittelfranken)

Katharina Hierl
(MC in Mittelfranken)

Max Körner
(MC in der Oberpfalz
seit Mai 2020)

Patricia Lang-Kniesner
(MC in Oberbayern)

Alexandra Lins
(MC in der Oberpfalz)

Nicole Lohfink
(MC in Schwaben)

Klaus Lutz
(MC in Mittelfranken)

David Morin
(MC in Ober- und Unterfranken)

Katharina Nierhoff
(MC in Oberfranken)

Sinikka Oster
(MC in Unterfranken)

Hans-Jürgen Palme
(MC in Oberbayern)

Oskar Peter
(MC in der Oberpfalz
bis April 2020)

Lisa Rutzmoser
(MC in Niederbayern
seit November 2019)

Katrin Voll
(MC in Oberbayern)

Kathrin Walter
(MC in Niederbayern
bis Oktober 2019)

Die wissenschaftliche Begleitung

Um dem hohen Forschungsbedarf bei diesem Thema zu entsprechen und zugleich pädagogische Qualität im Modellversuch zu gewährleisten, werden alle am Versuch Beteiligten mehrmals im Modellverlauf online befragt, d.h. die Mediencoaches sowie die Leitungen in den Modellkitas, die pädagogischen Fachkräfte und auch die Eltern. In einem Teilprojekt werden auch die Kinder selbst zu Wort kommen und können von ihren Erfahrungen mit digitalen Medien in der Kita berichten und deren Bedeutung Tablet-gestützt mittels einer Smiley-Skala bewerten. Eine videogestützte Vertiefungsstudie setzt sich mit der Bilderbuchbetrachtung mit digitalen Medien auseinander. Abgerundet wird das wissenschaftliche Begleitkonzept durch eine Meta-Analyse zum Einfluss digitaler Medien auf die Entwicklung von Kindern im Alter von 0 bis 6 Jahren, die die nationalen und internationalen empirischen Befunde hierzu anhand bestimmter Fragestellungen systematisiert und daraus Empfehlungen ableiten wird.

Das für den Modellversuch zuständige Team am IFP

Projektleitung
Eva Reichert-Garschhammer und Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll

Projektteam
Modellversuch:
Nicole Baginski, Dr. Dagmar Berwanger, Dr. Erik Danay, Dr. Nesiré Kappauf, Christa Kieferle, Martin Krause, Susanne Kreichauf, Dr. Jutta Lehmann, Dr. Sigrid Lorenz, Dr. Inge Schreyer, Anna Spindler
Meta-Analyse:
Prof. Dr. Franziska Egert (Leitung), Dr. Anne-Kristin Cordes, Fabienne Hartig
Teamassistenz:
Simone Müller-Voigts

Unsere Partner im Modellversuch

StMAS – Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (Auftraggeber und Förderer des Modellversuchs)

AG Modellversuch
Diese Arbeitsgruppe wurde neu installiert, um den Modellversuch in allen Phasen fachlich zu begleiten und in Bezug auf bestimmte Aufgaben auch aktiv zu unterstützen sowie anschlussfähige Prozesse im Rahmen der digitalen Bildung im Kita- und Schulbereich in Bayern herzustellen. Die AG setzt sich daher zusammen aus den bayerischen Stakeholdern

  • des Kitabereichs (StMAS, IFP, drei Kitaleitungen und zwei Kitaträger, die bei diesem Thema bereits unterwegs sind, Hochschule Rosenheim Studiengang Kindheitspädagogik),
  • der Medienpädagogik (AJ – Aktion Jugendschutz Landesarbeitsstelle Bayern, BLM – Bayerische Landeszentrale für neue Medien c/o Stiftung Medienpädagogik Bayern, Deutsches Jugendinstitut, JFF – Institut für Medienpädagogik, Parabol Nürnberg, SIN-Studio im Netz),
  • des Schulbereichs (StMUK – Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, ISB – Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung, Stiftung Bildungspakt Bayern, die den „Modellversuch Digitale Schule 2020“ verantwortet) und
  • der Wirtschaft (ergovia, vbw – Vereinigung der bayerischen Wirtschaft).

Aktive Kooperationspartner im Modellversuch
acs-group (Unternehmen, das den Zuschlag im Rahmen der EU-weiten Ausschreibung der Medienpakete für den Modellversuch erhalten hat) JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis (Übernahme der Akquise und Koordination der Mediencoaches) Stiftung Medienpädagogik Bayern (Ausstattung aller Modellkitas und Mediencoaches mit den einschlägigen Medienführerschein Bayern- und Eltern-Materialien) vbw – Verband der bayerischen Wirtschaft (Bereitstellung von Mitteln für die Erstellung von Filmen in den Modellkitas, die gute Praxisbeispiele sichtbar machen) ZMF – Zentrum für Medienkompetenz in der Frühpädagogik (Aufbau der Kita.Cloud Bayern im Rahmen des Modellversuchs)

 


 


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